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Marxwirtschaft und Machtwort

In den letzten Tagen wurde Marx an den unterschiedlichsten Orten an der Anerkennung der bürgerlichen Welt gemessen, wie populär, erfolgreich, bedeutend (“wichtigster Deutscher nach Luther”), vielgelesen er nun sei oder nicht, wieviel Ehrfurcht das Wirken des “großen Mannes” einem einflößt, einen ins endlose Plaudern über die eigene Sprachlosigkeit bringt, wie hoch die Auflage der Neuen Rheinischen Zeitung war, was Leute wie Precht, Steinmeier (“großer deutscher Denker”), Juncker (“in die Zukunft hineindenkender Philosoph mit gestalterischem Anspruch”) oder Haseloff (“Den idealen Staat und die ideale Marktordnung wird es aber nie geben”) von ihm halten, was man für die Rettung des Drecksladens mit ihm anfangen kann (und man kann, leider kann man das!), wo genau wer nun die Linie um den für ihn politisch oder ökonomisch verwendbaren Marx zieht zur Abgrenzung vom je nicht vereinnahmbaren Teil. Gregor Gysi referierte, wie er China den richtigen Marx beizubringen versuchte, Mario Adorf spielte Marx im mir weniger bekannten Lebensendabschnitt in Algerien (in den Worten von Marit Hofmann: “Nein, diese Drombuschs!”), Marx als Plunder und Folklore (durchaus knuffig), Marx wie immer als Popanz und als Waffe, sicher hunderttausendmal und meist als Disclaimer möglichst am Anfang “Ich bin kein Marxist” (und übrigens auch eine kleine Konjunktur von “Nein, nein, das ist nicht Kommunismus!”-Verdrehereien), aber dann auch immer mal Überraschungen wie den Intendanten des Neuen Theater Halle, Matthias Brenner, der in der Mitteldeutschen Zeitung fragt, ob es nicht nun nach der ganzen Globalisierung endlich Zeit für eine Weltrevolution sei: “Na also, packen wir’s an!”

Marx hat Herrschaftswissen nach unten verraten und einige der zentralen Mythen über diese Gesellschaftsordnung aufgeknackt, hat aber sehr unterschiedlich weit über sie und über Herrschaft insgesamt hinausdenken können, was wiederum ich jetzt auch nur aus der Perspektive zumindest verschiedener herrschaftlich verfasster Gesellschaften beurteile, von denen eine (unter Berufung auf Marx) zumindest das Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft und sich den Kommunismus zum Zweck und Ziel gesetzt hatte.

Von ihm ist zu lernen, dass sich das Geld nicht wundersam von alleine vermehrt, sondern durch Ausbeutung (“Das Kapital”) und wie sich die Klassenkämpfe in ihren Grundzügen entwickelt haben (“Manifest”), aber auch, warum die bürgerlich-kapitalistische Welt eben nicht nur Interessen bloßlegt und Herrschaft damit überwindbar macht, sondern sie auch “verschleiert” und mit falschem Bewusstsein überzieht (Waren-, Geld- und Kapitalfetisch).

Zur Frage danach, wie nun mit diesem Wissen zum Kommunismus gelangt werden kann, ist von Marx mindestens das zu beziehen: dass es der Organisierung der Arbeitskräfte auf der Grundlage ihres gemeinsamen Interesses genauso bedarf wie des schließlichen Zerbrechens der politischen Macht. Dass das vor hundert Jahren noch nicht ausreichend zusammengewirkt hat (und zu erfolgreich auseinandergetrieben werden konnte), ist vermutlich der Hauptgrund dafür, dass wir immer noch im Kapitalismus und überhaupt unter Herrschaft leben. Für mich heißt das: die vielen einzelnen Kämpfe zusammenführen und so die soziale Substanz erzeugen, die schließlich die Machtfrage stellen kann. Und endlich auch beantworten.


Slide zum Vortrag “Identität – Vom ‘Wer sind wir denn?’ zum ‘Was machen wir hier eigentlich?'”

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Schweinderl