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Februarrevolution 1917 in Russland: Organisation, Gewalt, Musik

Vor 100 Jahren begann die Russische Revolution von 1917 mit Streiks und Massendemonstrationen in Petrograd bei frühlingshaften nur leichten Minusgraden. Ich habe dazu einige erhellende und möglicherweise überraschende Auszüge aus Orlando Figes‘ Buch “Die Tragodie eines Volkes” (“A People’s Tragedy”) zusammengestellt, das die gesamte russische Revolutionsperiode von 1891 bis 1924 behandelt und in dem auch die Februarrevolution ausführlich und aus vielfältiger Sicht dargestellt wird. (Ich habe die ungekürzten Textstellen als Fotos beigefügt – zum Vergrößern einfach draufklicken!) Figes’ Leistung besteht u.a. darin, dem Problem der zum Teil kraß verschiedenen Großerzählungen dadurch beizukommen, daß er, ohne die Merkwürdigkeiten und Kontingenzen wegzuglätten, ihnen allen anhand typischer Figuren Raum gibt. Figes kann so zeigen, wie sehr das Geschehen von den Massen selbst bestimmt wurde, die sich passende politische Repräsentation suchten und sie ständig weiter, meist gegen deren ideologischen Beschränkungen, radikalisierten.

Trotzki

«“Das ist das letzte Mal”, schrieb er am Silvesterabend [1916], als sie an Gibraltar vorbeifuhren, “daß ich der alten Kanaille Europa einen Blick zuwerfe.”»

Beginn: Brotwarteschlange und Streik

«Die Februarrevolution wurde in der Brot-Warteschlange geboren. Sie begann, als eine Gruppe Textilarbeiterinnen auf der Wyborger Seite von Petrograd des Wartens müde wurde und wegging, um ihre Männer in den benachbarten Metallfabriken aufzufordern, sich einem Protestmarsch ins Zentrum der Stadt anzuschließen.»

Organisation und Zusammenhalt

«Während all dieser Aktionen zeigten die Massen ein außerordentlich hohes Maß an Organisation und Solidarität. (…) Es war, als ob die Menschen auf der Straße plötzlich durch ein weites Netzwerk von unsichtbaren Fäden miteinander verbunden wären, und das war es auch, was ihren Sieg gewährleistete.»

Doch dieses Netzwerk war in vielen Kämpfen, Streiks und Demonstrationen entstanden:

«Der Marsch ins Zentrum wurde so zum Ausdruck von Solidarität und Selbstbewußtsein der Arbeiterklasse, zum Mittel, die Straße für sich beanspruchen. Das mag einige der karnevalesken Züge der revolutionären Masse erklären helfen: den förmlich zelebrierten Vandalismus und die Verwüstung der Symbole staatlicher Macht und Autorität , des Wohlstands und der Priviliegien (…) und schließlich die sexuellen Handlungen, angefangen von Küssen und Liebkosungen bis hin zum Geschlechtsverkehr, denen die Leute in der Euphorie der Februartage ungeniert auf offener Straße nachgingen.»

Gewalt

«Die Vorstellung, im Februar habe es eine “unblutige Revolution” gegeben und die Gewalt der Massen sei im Grunde nicht vor Oktober ausgebrochen, war ein liberaler Mythos. Die demokratischen Führer brauchten ihn, um ihre eigene brüchige Macht zu legitimieren. Tatsächlich wurden im Februar viel mehr Menschen durch die Massen getötet als bei dem Oktoberputsch der Bolschewiki.»

Autoritätskrise und Utopie

«In der Tat sollte die Revolution von 1917 als eine allgemeine Autoritätskrise verstanden werden. Nicht nur der Staat, sondern sämtliche Autoritätspersonen wie Richter, Polizisten, Beamte, Armee- und Marineoffiziere, Priester, Lehrer, Unternehmer, Vorarbeiter, Gutsbesitzer, Dorfälteste, patriarchalische Väter und Ehemänner wurden abgelehnt. Damals hieß es oft – und Historiker haben das unterstrichen -, daß nur der Arbeiter- und Soldatenrat über wirkliche Autorität verfügte.»

Utopische Spitzen:

«Nicht zuletzt richtete sich die Zerstörungswut der Menge gegen die Gefängnisse. (…) Es war ein Zeichen, daß die ersehnten Tage der Freiheit – “ohne Gefängnis und Verbrechen” – anbrachen.»

Bauernrevolution und Dorfgemeinde

«Und so vollzog sich die Revolution auf dem Land: Zu einer vorbestimmten Zeit läuteten die Kirchenglocken, und die Bauern versammelten sich mit ihren Karren mitten im Dorf. Dann fuhren sie in Richtung Herrenhäuser los wie eine Bauernarmee, bewaffnet mit Gewehren, Mistgabeln, Äxten, Sicheln und Spaten. Der Gutsbesitzer und seine Verwalter wurden, wenn sie nicht schon geflohen waren, verhaftet und gezwungen, eine Resolution zu unterzeichnen, die alle Forderungen der Bauern erfüllte. Im Frühjahr waren diese Forderungen in der Regel noch ziemlich maßvoll (…) Sie scheuten sich, die Güter anzugreifen, ehe sie nicht sicher sein konnten, daß nicht das alte Regime wiederhergestellt werden würde wie 1906/07 mit den darauffolgenden Massenexekutionen von Bauern. Faktisch erhielten die Bauern erst Anfang Mai mit der Ernennung des Sozialrevolutionärs Tschernow zum Landwirtschaftsminister eine solche Garantie, und von diesem Zeitpunkt an wurde die völlige Konfiszierung der adligen Güter zu einer landesweiten Erscheinung.»

«“Heute, im freien Rußland, sollten die Menschen gleich und einig sein”, erklärten die Bauern von Dubowo-Pobedimow in Bugulma. (…) Die Dorfgemeinde wurde infolge der Revolution sehr gestärkt. Sie erwachte aus ihrem vorrevolutionären Zustand der Apathie und des Verfalls zu neunem Leben und sollte zur wichtigsten organisierenden Kraft der Bauernrevolution werden. All die politischen Organe der Revolution auf dem Land – die Dorfkomittees, die Bauernbünde und die Räte – waren im Grunde nichts anderes als die Dorfgemeinde in revolutionärer Form. Die Dorfgemeinde stand für die Ideale von Land und Freiheit, die die Bauern immer zur Revolte inspiriert hatten. (…) Während der Inbesitznahme der adligen Güter zeigten die Gemeindemitglieder ein bemerkenswertes Maß an Solidarität und Organisation.»

Nieder mit dem Trinkgeld!

Musik

Zum Abschluß will ich noch drei der wichtigsten Lieder der Revolution erwähnen. Neben der “Internationale”, die vor allem von den sozialdemokratisch geprägten Stadtbewohnern gesungen wurde, fand auch das jüdisch-anarchistische “In ale gasn” (siehe Video) regional große Verbreitung; überall jedoch überwog die Marseillaise, allerdings in mehreren veränderten Versionen, von denen die russische Arbeiter-Marseillaise, die auch beim Ausbruch der Revolution in Petrograd überall gesungen wurde, vermutlich die populärste gewesen sein dürfte – davon mal drei Videos, mit Text und aus einem sowjetischen Film.

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Schweinderl