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Elsässer sucht Volk – was sucht ihr?

6 Konstanten auf dem Weg von Bomber Harris zu Putin & “Compact”

Vor 20 Jahren prägte der heutige nationalistische Vortänzer Jürgen Elsässer mit seinen “Dresden-Lügen” (damals in “junge Welt”, nachgedruckt im konkret-Sammelband “Wenn das der Führer hätte erleben dürfen”) nicht nur die antideutsche Position zu alliierter Bombardierung und Gedenken maßgeblich. Nun fragte er in zornig-beleidigtem Ton beim 2. Pegida-Geburtstag vor einigen tausend jubelnden Zuhörenden: “Wo ist in London das Denkmal für die ermordeten Dresdner?”

Wie ist einer vom “radikalsten Kritiker aller Vaterländerei” zu einem geworden, der sich lautstark freut, daß “auf der ganzen Welt … der Patriotismus und der Kampf für das eigene Volk auf dem Vormarsch” ist? Ist dieser Wandel einfach ein weiterer Beleg für Hufeisen-Theorien der politischen “Spektren” (VS, BzpA usw.), war es ein eher abrupter Seitenwechsel, eine bedauerliche Kuriosität, ist’s in einer Gegen-Verschwörungserzählung auf Putins Wirken zurückzuführen? Oder hat er sich gar nicht so sehr verändert, hatten und haben viele mit ihm mehr gemeinsam als gern zugegeben? Wäre aus seinem Werdegang was darüber zu lernen, was in der Linken, die er nun mal jahrelang mit nicht geringer Wirkung bespielt hat, so alles schiefgelaufen ist und immer noch schief läuft?

Aus der jeweiligen Sicht hatte man mit Elsässer entweder noch nie zu tun oder eben nichts mehr seit 1990, 1995, 1997, 2001, 2003, 2007 oder 2010, und somit geht es einen selbst nichts an. Als jemand, dem Elsässer vor 20 Jahren imponierte und der ihn seither aufmerksam verfolgt und immer wieder thematisiert hat, möchte ich die Kontinuitäten in seinem Wirken zeigen, die ihn als lediglich lautesten Vertreter weit verbreiteter Denkweisen erkennbar machen.

1. Regierung stürzen lassen und danach was sein.

Wie kaum jemand sonst in der aktuellen nationalistischen Welle will Elsässer die Regierung stürzen bzw. stürzen lassen – er will keine Sezession, keine Ministaaten, keine bloße nationale Opposition. Er sagt: “Liebe Leute, wir wollen die Macht! Wir brauchen eine Regierung aus dem Volk, durch das Volk und für das Volk.” Vom Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt Anfang 2016 berauscht, wollte er sogleich von deren Spitzenkandidaten wissen, wie die Regierung nun noch im selben Jahr gestürzt werden könnte, forderte Massendemonstrationen in Berlin wie im Herbst 1989. Merkel “betreibt das Programm der Umvolkung”, sagt er wie die Identitären und zitiert einen Spruch, der sich derzeit vor allem auf Nazi-Aufklebern (z.B. bei Die Rechte) findet: “Wenn die Regierung das Volk austauschen will, dann muß das Volk die Regierung austauschen”.

Erst war er aber enttäuscht, weil Frauke Petry nicht zum Pegida-Geburtstag kam – ihm sind die inhaltlichen Differenzen egal, er will die Kräfte bündeln, damit sie für den Griff nach der Macht reichen: “Wir brauchen die Einheit in der Bürgerbewegung, wir brauchen die Einheit in der Opposition. Es muß eine geschlossene Volksbewegung sein.”

Taktisch paßt das gut zusammen, da sowohl Pegida wie auch die Identitären und Teile der AfD der verebbenden Boost der “Flüchtlingskrise” zur Einigkeit treibt, sich AfD-Poggenburg wie Ibster Sellner und Pegida-Bachmann auf der “Compact”-Konferenz Ende des Jahres in Berlin fürs Zusammengehen aussprachen. Bachmann redete gegen die CSU, für den Ausbau der politisch-thematischen Hegemonie, gegen schärfere Gesetze und für die Durchsetzung der bestehenden, freute sich darüber, wie Pegida Medien und Politik zur Selbstentblößung provoziert hätte, und meinte schließlich, “Merkel muss weg” würde nicht reichen, “alle müssten” weg. Elsässer schloß mit der erneuten Forderung, die Macht zu ergreifen, “um die Einwanderung zu stoppen.”


Abschluß der Compact-Konferenz

Und das war bei ihm schon immer so – früher rechnete er sich Koalitionen “von Lafontaine bis Gauweiler” zusammen, davor waren das avisierte Ticket für den Weg nach oben noch andere Volksfronten oder Revolutionsregierungen, die Besatzungsmächte oder die KP. Immer schien er sich als die Chefagitator für Leute empfehlen zu wollen, die er auf dem Weg zur Macht sah oder sich zumindest so phantasieren konnte. Und das war auch zu erkennen – 2007: “Elsässer strebt nicht an, was nicht ist, sondern strebt an die Macht [...] sein Tellerrand ist auf die Übernahme der zentralen Positionen im Staat, deren strategisch-militärische Absicherung und den sozialen Umbau des Staates nach Maßgabe des „rheinischen Kapitalismus“ zusammengeschrumpft.”

Als Vorbild dürfte neben den zahlreichen Umstürzen in Osteuropa vor allem der rot-grüne Regierungswechsel fungiert haben, der ehemalige Genossen Elsässers in höchste Ämter spülte. Nun wird Trump diese Ambitionen bestimmt noch mal befeuern.

Elsässers ganze Leistung besteht darin, auf derartige Sprungbretter hinzuweisen, weil er offenbar nichts anderes vorhat, als sie zu benutzen. Und derzeit läuft eben schon seit einer Weile und nicht nur hierzulande inmitten sich verschärfender Staatenkonkurrenz eine weiträumig politisch befeuerte und von der Staatsgewalt massiv begünstigte nationalistische Mobilisierung (die Elsässer gemäß der “Faschisierungsthese” seiner einstigen K-Gruppe ja erwartet haben dürfte); es wird ruppiger, Leute schließen sich in fieser Weise zusammen, es gibt zudem uneingestandene Kriegspropaganda gegen (mindestens) eine andere Arschlochsupermacht und große Teile der trotz der Repression noch handlungsfähigen Linken haben große Teile ihrer klassischen Schauplätze, vor allem die Arbeitskämpfe, de facto aufgegeben. Elsässer ist nicht selbst und allein das Problem; womit er punktet, könnte klarmachen, worin das Problem besteht.

2. Werben ums Ersatzvolk

Aus dieser Sicht sucht sich Elsässer immer das passende Volk als Ersatz für die einstig verherrlichte revolutionäre Arbeiterklasse, d.h., wann immer er auf diese Art von Machtübernahme spekuliert.

Es geht ihm dabei nicht darum, sich mit den Leuten gemein zu machen, gemeinsame Interessen als Klasse zu erkennen und zusammen dafür zu kämpfen, sondern aus der mißgünstigen Empörung als ein auf die aggressive Sprache reduzierter “ami du peuple” die Tickets gewinnen, auf denen man nach weiter oben reisen kann – er ragt um einen Daumen klein aus seinen eigenen Reih’n. Er schaut den Leuten nicht einfach auf das Maul, er redet ihnen nach dem Mund, sofern und solange er sie für seine Mobilisierungsmasse hält, treibt sie wie ein guter Agitator nicht zu Selbsterkenntnis und Selbstermächtigung, sondern immer zur nächst radikaleren Version ihrer derzeitigen Ressentiments. Schon in den 90ern schrieb er zur Animation für seinen antideutschen Ansatz: “Schluß mit der lähmenden Bündnispolitik, Schluß mit den langweiligen Demonstrationen. Eine kleine radikale Minderheit braucht andere Aktionsformen.” Und: “Die Außerparlamentarische Opposition (APO), in den 60er Jahren in einer ähnlichen Lage, handelte nach der Maxime: ‘Die stille Aufklärung war ein Fehlschlag. Erst die radikalen, Widersprüche in der Bevölkerung aufreißenden Aktionen der APO haben eine massive Opposition bilden können…’ (Krahl)”

Also schrieb Elsässer schon in Clickbaiting-Stil, bevor es Facebook und Breitbart gab. Aber Boulevard und Aufwiegelung (im Guten wie im Schlechten…) sind viel älter, und auch das “postfaktische Zeitalter” begann schon mit der Herrschaft unter Menschen: Ideologie als notwendig falsches Bewußtsein jeder Herrschaftsgesellschaft ist per se “postfaktisch”. Und Ideologieproduktion heißt nicht erst seit Elsässer: Das sagbar Falsche sagen, dessen Grenzen verschieben, den Leuten etwas aufschwatzen wollen, sich an sie ranschmeißen – und ihnen bloß nicht zur Erkenntnis verhelfen, daß sie zusammen alles selber machen können.

Nach den Frontverläufen “Alle sind gegen Serbien”, “Kein Fußbreit den Aliens!” und “Weltverschwörung gegen die DDR” visierte Elsässer als Volk u.a. erst beim Marsch durch die Institutionen zu kurz gekommene Linke, “Inländer” (dafür Applaus von NPD-Gansel: “Querfront-Gespräche für einen nationalen und sozialen Politikwechsel in unserem Land” und Bewunderung von NPD-Apfel: “Letzte linksnationale Stimme zum Verstummen gebracht”), dann schon gleich besonders Deutsche, aber auch Muslime (kurz sogar die Hizbollah schöngequatscht) an, zuletzt jedoch wanzte er sich besonders an sein neuerdings geliebtes ostdeutsches Volk heran.

Bei der Compact-Konferenz sprach Pegida-Bachmann, der beständig die Besonderheiten des Ostens betonte, im Scherz davon, die Mauer wieder aufzubauen und alle echten Deutschen in den Osten zu holen. Elsässer spielte sichtbar eine Weile mit dem Gedanken und machte im Sinne seiner Gegenüberstellungen des Westens als “islamisch besetzter Zone” und des Ostens, der “standhält”, einen Vorstoß: “Der Westen ist verloren – also den Osten befreien?”

Nach Trumps Wahlsieg und Amtsantritt könnte sich diese taktisch-ironische Unterscheidung nun schnell als überflüssig erweisen bzw. als bloße Folklore vom “echten Deutschland” eine untergeordnete Rolle spielen – die ungebrochene Funktion Dresdens als nationalistische Hauptdreckschleuder und Mobilisierungsknoten auch der Höcke-Fraktion der AfD bleibt dennoch wichtig auch für Elsässer.

So taktisch austauschbar die konkrete Zielgruppe, so zentral und unverrückbar dennoch die Nation, das Kollektiv der Tüchtigen, als Kern des Ganzen. Bis vor kurzem noch stellte er sich vor mit der Formel: “Mein Name ist Jürgen Elsässer, meine Zielgruppe ist das Volk”. Nun ist daraus geworden: “…ich bin Deutscher, und ich möchte verhindern [bzw. werde nicht zulassen], daß dieses Land, dieses schöne deutsche Land, vor die Hunde geht.” Nur weil er nicht mehr links ist, will er deswegen aber auch nicht rechts sein und erklärt kurzerhand das ganze Schema zur “Gesäßgeographie des 19. Jahrhunderts” – nicht mehr um “links gegen rechts” ginge es, sondern “wie im Mittelalter um die Eliten gegen das Volk”.

Er spricht für Obdachlose, Rentner, Polizisten und benutzt als Refrain der Predigt die Formel “laßt euch das nicht gefallen, wehrt euch, auch ihr seid Deutschland”, womit er der Nation ihre Eigenwerbung vorhält. Auch die Mitgründer seiner “Volksinitiative gegen das Finanzkapital”, darunter ehemalige WASGler, gewann er um 2009, weil sie die “die Zeiten, nachhaltig, insbesondere für die Schwächeren, zu verbessern” versuchten.

In diesem bedingten Lob der Nation und der Feindstellung “gegen die Diktatur des Lumpenproletariats”, gegen “Lumpenmigranten” ist Elsässer vielen Linken, besonders den sozialdemokratischen, leninistischen und antideutschen, sehr nahe, weshalb es angezeigt scheint, noch mal festzuhalten: Ohne Frage sind die bürgerlich-kapitalistischen Nationalstaaten die größeren und integrativeren Herrschaftsgebilde als die Stammes- und Fürstenherrschaft. Aber sie sind eben nur das – und sie bilden nicht mehr den größtmöglichen Rahmen gerade aus lokaler Herrschaft erwachsener Gesellschaft, sondern sie sperren die längst international verbundenen Werktätigen mit ihrem nationalen Kapital zusammen, stellen den Klassenkampf innerhalb der Nation still, verschärfen Binnenkonflikte unter den Arbeitskräften und stehen jedem Begreifen im Weg, daß die überwältigende Mehrzahl der Weltbevölkerung längst mehr als genug Lebensmittel und soziale Einrichtungen für sich schafft und dazu keiner Herrschaft und keiner Ausbeutung bedarf.

3. Gewaltapparate anfeuern

Besondere Zuneigung erfährt der legal bewaffnete Teil des Volkes. Beim Pegida-Geburtstag rief Elsässer aus: “In dieser Situation ernster Bedrohung müssen wir äußerst wachsam sein. Und ich bitte unsere Freunde von der Polizei: Schützt uns! Schlagt lieber einmal zuviel zu als einmal zu wenig! Laßt euch bitte nicht von islamisierten Politikern an der Ausübung eurer Arbeit hindern, und wenn ihr zum Schutz des Volkes und zum Schutz eures eigenen Lebens zur Anwendung von Schutzwaffen [!] gezwungen seid, dann habt ihr unsere volle Unterstützung, bitte macht das!”

Wieder versprach er dort, wie schon bei anderer Gelegenheit, Cops, die wegen Compact-Lektüre rausfliegen sollten, einen Job “bei Compact oder bei der AfD, denn der Widerstand braucht euch”.


Wen er anfeuert

Hier tritt die gedankliche Verwandtschaft zu vielen seiner ehemaligen Gesinnungsgenossen besonders deutlich zutage. Von vielen Antideutschen wie aber auch anderen Linken wird jede Gelegenheit genutzt, der Staatsgewalt doch mal applaudieren zu können, nicht nur, wenn sie gegen Nazis vorgeht (wie im viel herumgereichten Video des Luxemburger Polizeieinsatzes von 1994), sondern auch wenn es um Repression gegen andere Linke geht, deren zum Teil abweichende und zuweilen wirklich furchtbare Auffassungen zum willkommenen Anlaß genommen werden, “Durchgreifen!” rufen zu können. (Dann wird auch gern schnell auf die begleitende Propaganda aufgesprungen, etwa beim angeblichen Angriff aufs Jüdische Museum am Rande der 1.-Mai-Demo 2012 in Berlin, der als nachträgliche Rechtfertigung für brutale Knüppelei herhalten mußte.) Neuere Beispiele wären die (wie ernst auch immer gemeinte) Pose der Antilopen Gang, auf Seiten der Polizei gegen Blockupy kämpfen zu wollen, das sie wohl mit Occupy und dieses wiederum mit Antisemitismus in eins setzten, und das antideutsche Bejubeln der französischen Strandpolizei fürs Durchsetzen des Burkini-Verbots in Nizza.

Aber nicht nur die Autorität und Setzungsgewalt der Polizei wollen sich Elsässer wie die in diesem Sinne Geistesverwandten beleihen und dereinst aneignen (und eben nicht Menschen zur kollektiven Selbstverwaltung auch ihrer Sicherheit ermutigen), sondern wo immer es geht werden auch Armeen zum Gegenstand der Lobpreisung (Elsässer heute: Russische Armee, früher: “Massada wird besser verteidigt”), fast immer in besonders männlich aufgeladener Sprache, fast immer in kokett kalkuliertem Ausspielen von bedauerlicher Notwendigkeit militärischer Selbstverteidigung gegen kulturell tiefsitzende Helden- und Machtvorstellungen.

4. Oberhäupter und Befehlshabende abfeiern

So wichtig die Streitkräfte und ihre Gewalt für nationalistische Propaganda und allgemein für autoritäre Vorstellungen auch sind, als Vorbilder eignen sich die Führungskräfte besser – immer schon feierte Elsässer, darin leider zahllosen Linken nächstens verwandt, ausländische und historische Staatsoberhäupter oder Befehlshaber vor allem für ihre Bereitschaft zur gewaltsamen Durchsetzung ab. Die von Elsässer maßgeblich mitgeprägte Ikonisierung von Arthur “Bomber” Harris wurde schon bald von einer gezielten Provokation der Dresdner Opfermythen und des deutschen Geschichtsrevisionismus zu einer viel zu oft ernstgemeinten Universalantwort auf nationalistische Aufwallungen im Land. Es ging irgendwann nicht mehr um möglicherweise Kenntlichkeit schaffende Reaktionen bei den anderen und die Bewußtmachung der Realitäten des 13. Februar 1945, sondern nur noch darum, die erwartbare Mehrzahl der Reaktionen zur Bestätigung zu nehmen, daß gegen all das eben nur noch alliierte Bomben helfen würden, was auch oft einfach hieß: dieses Volk verdient uns als Politbüro eben (noch) nicht.

“Schon damals neigte er zu einfachen Welt­bildern, die er in griffige Worte fasste. Auch die Verehrung für starke Männer pflegte er schon: Früher Lenin und Mao, zwi­schenzeitlich Scharon, später Miloševic und Ahmadinedschad, und heute ist es eben Putin.” (Ex-Compact-Mitstreiter Utz Anhalt im kreuzer-Interview)

Nun huldigte Elsässer Ende 2016 in Dresden den Heerführern und herrschaftlichen Bezugspersonen deutsch-europäischer Geschichte: “Die deutschen Kaiser waren es, die im Mittelalter den ganzen Kontinent, das Abendland, vor den islamischen Invasoren geschützt und gerettet haben. Die deutschen Kaiser waren es, die zweimal vor Wien die Türken zurückgeschlagen haben. Es war Prinz Eugen, der im Auftrag des deutschen Kaisers Ungarn und Serbien, die christlichen Völker, vor den Osmanen gerettet und die Türken in ihre Löcher zurückgetrieben hat. Dieser Mut, diese Tapferkeit, dieser Kampf um die eigenen Identität und das Abendland – das ist das, was wir heute brauchen. Und ich sage: Hoch Prinz Eugen, hoch die deutschen Kaiser, und natürlich auch hoch August den starken Sachsen.”

Und auch (nicht nur) seine Gegenwartsperspektive ist vom Blick auf aktuelle und aus seiner Sicht potentielle Staatsoberhäupter wie Putin, Trump und Le Pen geprägt: “Es gibt Hoffnung, weil sich auf der ganzen Welt etwas bewegt – überall ist der Patriotismus und der Kampf für das eigene Volk auf dem Vormarsch und die Kräfte der Volkszerstörung und des Globalismus und des Multikulturalismus im Rückzug.”

Bei Putin vergißt er sich glatt, sicher auch, weil ihm klar ist, daß der nirgendwo in Deutschland so bekannt und beliebt ist wie hier, wo das Publikum ruft “Merkel nach Sibirien, Putin nach Berlin!” und wo Putin am Ende der DDR als KGB-Agent lebte: “Lieber Wladimir Wladimirowitsch Putin, kommen Sie bei der nächsten Gelegenheit nach Dresden! Nicht nur Pegida wird Sie begrüßen, sondern das gesamte sächsische Volk. Und wenn Sie von dieser Stelle sprechen, werden Hunderttausende stehen, bis runter an die Elbufer, und Sie begrüßen und Sie feiern, wenn Sie der Merkel den Spiegel vorhalten.”


Putin-Ecke in seinem ehemaligen Dresdner Stammlokal

5. Antifa-Jukebox

Um den Jubel über Gewalt und Herrschende grundieren und moralisch aufladen zu können, nutzt Elsässer (wie so viele andere) die bei ihm besonders locker sitzenden Parallelisierungen zum Zweiten Weltkrieg, die als ständige zweite Ebene fast sämtlichen politischen Geschehens dienen. So wird Antifaschismus als ideologisches Ticket verfügbar – Antifa heißt alles Mögliche.

Die anderen sind immer Faschisten, selbst ist man immer im antifaschistischen Kampf und greift die entsprechende Rhetorik begierig auf, was einfach ist, da es auf der Welt kaum noch anderes gibt als rivalisierende Nationalismen, die sich fast sämtlich in einem antifaschistischen Kampf sehen und wie die KPD als Avantgarde einst schon alle anderen dementsprechend deklarieren: Klerikalfaschisten, Sozialfaschisten, Linksfaschisten, Ökofaschisten, Genderfaschisten usw. usf.

Reichstagsbrände (9/11!). Ermächtigungsgesetze. Bewaffnete Konflikte sind idealerweise Wiederholungen des Zweiten Weltkriegs (gerade war Aleppo für Elsässer Stalingrad), Maas ist auf dem Compact-Cover der Nazi in SS-Uniform… Und das ist ja auch sonst vielerorts so: ständig ist irgendwas der Volkssturm oder das Propagandaministerium, es findet irgendwo eine Selektion statt oder jemand hat “Volk” gesagt, und man selbst hat’s als erster bemerkt und denunziert, ist also der wachsamste Antifaschist, auf den alle also hören sollten. Stets sind die anderen erst als richtig schlimm und bekämpfenswert markiert, wenn ihre Überführung als Nazis gelingt. Das erspart die Auseinandersetzung mit Inhalten und immunisiert wirksam gegen die Kritik am eigenen Nationalismus.

Schon Elsässers antideutscher Ansatz orientierte sich vor allem anderen an dieser Globalperspektive: “Der notwendige Aufbau einer Opposition gegen die deutsche Außenpolitik kann folglich nicht an den Grundlagen der untergegangenen Friedensbewegung anknüpfen, sondern muß damit brechen. Karl Liebknecht konzentrierte diesen Bruch 1914 auf die einfache Formel: ‘Der Hauptfeind steht im eigenen Land!’” (“Wenn das der Führer…”, im Folgenden WddF)

Spätere taktische und strategische Kurswechsel begleitete Elsässer fast immer mit Verweisen auf die antifaschistische Geschichte. Die Hinwendung zu einem für ihn noch linken Nationalismus 2009 so: “Die Partisanenbewegung in Italien war ein Bündnis von Kommunisten, Katholiken und sogar Monarchisten. In der französischen Resistance kämpften Genossen von links und Leute von De Gaulle Schulter an Schulter…”

Und entsprechend erweisen sich seine diesbezüglichen Aussagen zwar einerseits als besonders widersprüchlich, andererseits wird aber auch sichtbar, wie gut sich dieses Ticket für derartige Kehrtwenden eignet. Anfang der 90er schrieb er: “Der Anti-Hitler-Koalition ging es nicht um die Rettung Deutschlands, sondern um seine Zerstörung …es kommt nur darauf an, ob man den Alliierten dafür dankbar ist”. (WddF) Genau – heute ist er ihnen einfach nicht mehr dankbar dafür und hat die Faschismen und Antifaschismen neu sortiert. Wäre Hillary Clinton Präsidentin geworden, würde er nun die USA in den dunkelsten Farben des Faschismus malen.

Und auch die Pro-Putin-Position kann er sich entsprechend zurechtdrehen: “Und wenn es eine Lehre aus der Geschichte gibt, dann doch die, daß sich Deutsche und Russen nie mehr gegeneinander hetzen lassen dürfen.” (Pegida-Geburtstag)

Utz Anhalt: “Ja, er vertritt jetzt in vielem genau, fast wortwörtlich, das Gegenteil von dem, was er früher vertreten hat. Um seine völkischen Konstruktionen zu demontieren, lassen sich gut seine Texte der frühen neunziger Jahre zitieren. Bloß dass er es immer noch als Antifaschismus verkauft. Begriffe so zu verdrehen, bis man selbst der »nationale Demokrat« ist, und die anderen sind die »Rotfaschisten«, ist ja eine alte Strategie der neuen Rechten. Elsässer deutet einfach den Faschismus als die Herrschaft des Finanzkapitals, und weil dieses heute international ist, die Arbeiterklasse aber national, ist die nati­onalistische Volksfront plötzlich der Träger des Anti-Faschis­mus. Das sind natürlich Kunstgriffe, zu denen eine Frauke Petry nicht in der Lage wäre.”

Er macht es wie fast alle anderen, nur dreister: ständig alles in dieses Schema pressen, nicht über die Gegenwart nachdenken müssen.

6. Projektion (und Rückprojektion)

Und so redet Elsässer in seinen früheren Texten dauernd über sein heutiges Wirken: “Gerüstet mit einem Nationalismus, der keine Marotte sog. Ewiggestriger ist, sondern die Ideologie der nationalen Avantgarde von recht bis vormals links, macht sich das neue Deutschland von den Bindungen an die westlichen Kriegsgegner frei und knüpft Allianzen mit alten Freunden aus den Jahren vor der Kapitulation.” Und die damals den anderen unterstellte Drohung hat er sich nun quasi zu eigen gemacht: “Entweder Europa wird nach den deutschen Interessen maßgeschneidert – oder wir versuchen es wieder so wie zwischen 1871 und 1945.” (WddF)

Aber wie bereits zu antideutschen Zeiten spiegelt er sich auch stets in den Karrieren um sich herum, zeigt auf den Spiegel und sagt “Selber!” Er schießt mit beständigen Unterstellungen in alle Richtungen, daß die anderen so fies und mies wären wie er selbst – und oft stimmt es ja auch, gerade bei den ehemaligen Genossen.

In den 90ern schrieb er etwa: “Früher konnte man den Enttäuschungen aber auch durch Rochaden innerhalb der Linken entfliehen: Waren die Sozialdemokraten versumpft, wechselte man zu den Kommunisten (Modell Luxemburg); hatten sich die Kommunisten diskreditiert, versuchte man’s bei den Sozis (Modell Wehner); hatte man von dem ganzen Traditionalismus die Nase voll, konnte man immer noch bei den Autonomen einen Stammtisch finden (Modell Ebermann). Tempi passati!” (WddF)

Um dann andere Karrieren als Warnung und Vorbild aufzutischen:
“Warum wurde aus dem Adorno-Studenten Botho Strauss ein Interpret völkischer Bocksgesänge, aus dem Maoisten Joscha Schmierer ein Apologet des Antisemiten Tudjman, aus dem ‘Linksanwalt’ Christian Ströbele ein Feind Israels?” Oder: “Wolf Biermann mutierte vom Eurokommunisten zur Hofschranze des bürgerlichen Kulturbetriebs, Rudolf Bahro vom Öko-Maoisten zum Öko-Taoisten…” (alles WddF)

In einer Gesellschaft, in der diese Art von gegenseitigen Vorwürfen allgegenwärtig ist und sich ständig an sich selbst blamiert, aufgrund der allgemeinen Konkurrenz aber nie aufgegeben wird und auch nicht an Verbindlichkeit verliert, erweitert Elsässer einfach nur den Vorrat an Beispielen und ausnutzbaren wunden Punkten bzw. führt Elemente aus verschiedenen Quellen zusammen.

Immer wieder ist er mehr oder weniger absichtlich und vollständig zu dem geworden, wovor er gewarnt hatte – hier beschreibt er 2009 im Grunde sein Konzept für “Compact” bzw. die Rechtfertigungsgrundlage dafür: “Und auf der anderen Seite des Bildschirms ist Big Brother und gibt dir alles, was du brauchst.”

Elsässer hat nur in einem langen Trial-and-Error-Amoklauf zu sich selbst immer besser verstanden, wie “postfaktisch” Ideologie im Kern operiert und wie sie sich für sein Streben nach Regierungsmacht einsetzen läßt, welche ideologischen Tickets und welche Perspektiven sich dafür eignen und an wen zu appellieren lohnt: ein antifaschistisch aufgeladener Nationalismus, der unzufriedene, sich vom Status- oder Einkommensverlust bedroht sehende Menschen als Kollektiv der Tüchtigen gegen Faule, Kriminelle, Aussauger, Betrüger, Terroristen und Wilde in Stellung bringt, sie zur Führerwahl ermutigt und sämtliche Möglichkeiten egalitärer Selbstorganisation entweder in autoritäre Erzählungen einbindet, sie in Schreckensmärchen umlügt oder, wenn das alles nicht geht, sie schlicht ignoriert.

Übergänge

In den Momenten des Zweifels vor etwa 10 und vor etwa 20 Jahren hatte er teilweise gute Kritik an vielen linken Strategien und Denkweisen vorzubringen – Mitte der 90er am Traditionalismus, am alten Faschismuskonzept, an der Verkennung der Rolle und Form des Nationalismus der Gegenwart; und 2005 gerade an jener Verwendung des 2. Weltkriegs als ständiger “Folie”, an der Hetze gegen die “islamische Weltverschwörung”, daran, nur noch Bombardierung als Mittel gegen Antisemitismus zu kennen; er wies darauf hin, daß Mossad-Vorwissen noch anderes bedeuten kann, daß die deutsche Dominanz Europas nicht zur Ablösung der USA geführt hatte, daß es um Klassenkampf gehen müßte. (Nachzulesen etwa in “Ausgedeutscht”)

Im nächsten Moment, als er merkte, daß er mit alldem bei den meisten Linken auf Granit stieß, fing er an, sich um die “Sicherheit Europas” zu sorgen, die Slowakische Nationalpartei als “Kraft” zu feiern, “die mit dem Neoliberalismus brechen will”, die Neocons und die Antideutschen als die neuen Nazis auszumachen.

Galten ihm selbst eben erst noch die “Gotteskrieger und Selbstmordattentäter” als die “Sturmtruppen, die für das westliche Big Business die modernen Staaten, die im Unterhalt viel zu teuer sind, schleifen sollen” und denen Israel anders als Jugoslawien standhielt (2001), war er schon bald nach der Zwischenstation, Muslime gegen Rassismus und Stigmatisierung in Schutz zu nehmen, 2007 hierbei angekommen: “Länder wie Afghanistan, Irak und demnächst Iran werden in die Steinzeit zurückgebombt, weil sie nicht das westliche Verständnis von Multikulti teilen. Auch in der Innenpolitik steht die Multikulti-Ideologie seit 9/11 für einen neuen Rassismus: Man hetzt gegen Moslems, weil die sich gegen die Pornographisierung und Amerikanisierung der Gesellschaft wehren und nicht von ihrem Gott lassen wollen.”

Aus dem Klassenkampf wurde umgehend die Verteidigung der “Inländer” gegen die Globalisierung. Aus dem Zelebrieren von Freizügigkeit (“Marxismus-Lennonismus”) ging es an den einst selbst so bezeichneten “ethnisch gesäuberter Teutonengrill” (auch wenn er sich bis heute Token-Elemente wie Rihanna in “Compact” bewahrt). Als Schmiermittel für die Übergänge und Risse in den Erzählungen benutzte er, wie so viele, die Annahme und Unterstellung von Verschwörungen – nach der Gründung von “Compact” wirkte die Zeitschrift zunächst wie eine Sichtung so ziemlich aller legal druckbarer Verschwörungskolportage, wobei nie klar war, wieviel davon einfach Auswerfen von Ködern war und wieviel Elsässer selbst in Erwägung zog und glaubte.

So wie viele seiner Ex-Genossen heute geht’s ihm seither darum, wer “wir” sind und was “wir” in der Freizeit tun, was mit “unserem” Geld passiert und wer “uns” und “unseren Frauen” ans Leder will, darum, ein Eigenes zu definieren und es notfalls mit aller Gewalt verteidigen zu lassen – und praktisch nie darum, wie wir arbeiten, wie wir augebeutet werden, was wir dagegen tun könnten.

Nicht einfach nur Teil der Selbstaufklärung und Selbstbefreiung der werktätigen Klassen sein, sondern doch noch einen Weg finden, in ihrem Namen an die Macht zu gelangen oder zumindest auf ihre Kosten näher an die Fleischtöpfe. Marx nicht als für alle zu erschließendes Werkzeug behandeln, sondern als autoritäre Sprüchesammlung, mit der Leute beeindruckt oder auf Linie gebracht werden sollen. Aus einer frühen Phase seines Erkenntnisprozesses politisch gerade passend scheinende griffige Slogans rausgreifen – und mit diesem Zitatenkasten-Marx geht dann sowohl vermeintlich radikale “Islamkritik” wie Kampf gegens “vagabundierende Finanzkapital”. Überhaupt: eine Kapitalfraktion gegen die andere qua Fußvolk ausspielen wollen statt den Leuten von unten in der jeweiligen (Re-)Produktionssphäre beim Organisieren zu helfen. Usw.

Wie bei so vielen Linken, besonders antideutschen, bestand sein Marx zum allergrößten Teil aus dem frühesten, aus dem ersten Band MEW (“Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie”, MEW 1: 378, nur die Hits!), den markigen Ansagen, nicht aus dem, was Marx später erklären konnte und was vielen Formen, mit ihm Politik zu machen, die Grundlage nimmt: daß Geld sich durch Ausbeutung vermehrt, nicht von Zauberhand, nicht von allein.

Und so lassen sich frühere ökonomische Einschätzungen Elsässers einfach in Sinne seines heutigen nationalistischen Ansatzes weiterverwenden: “Die staatliche kommandierten Nationalökonomien wetteifern darum, diese vagabundierenden Milliarden”, “vaterlandsloses Weltkapital”, “durch rigide Standortpolitik anzuziehen”, “auf Kosten des einheimischen Proletariats”. – “Die Globalisierung des Kapitalismus überwindet die nationale Konkurrenz also nicht, und ihre erneute Zuspitzung in Faschismus und Krieg ist nicht ausgeschlossen.” (alles WddF) Und da könnte man doch vorne mit dabei sein!

Schon bald erklärte er also die Deutsche Bank für “antideutsch” (2007). Für die von Elsässer mitgegründete “Volksinitiative gegen das Finanzkapital”, formulierte er 2009 programmatisch: “In allen Staaten, auch in Deutschland, entwickelt sich ein zunehmender Widerspruch zwischen dem Industrie- und dem Bankkapital.” (Eben genau nicht!) Schließlich veranstaltete er eine Kundgebung gegen Steuergelder für Israel, und Helmut Höge erblickte in alldem nur noch “halbwegs kluge ökonomische Analysen verbunden mit an Antisemitismus grenzende Verschwörungstheorien”.

Zu Verschärfungen und Neuformulierungen von Nationalismus gehören auch immer die Zuspitzung populärer Ressentiments, vor allem in der Geschlechterfrage – die allgemeine Konkurrenz der Arbeitskräfte wird in Gruppenkonkurrenz kanalisiert, immer am verbissensten im Bereich der bezahlten und unbezahlten Reproduktionsarbeit. Bei Elsässer brach sich ein extremer sexueller Konservatismus Bahn, der sich im Einklang mit der ganzen konservativen Politisierung dieses Themas befand, und der sich, mit unterschiedlichen Grenzziehungen bzw. -verschiebungen auch bei zahlreichen seiner früheren Genossen finden läßt. Wie auch in den anderen Politikfeldern verfängt das nur so gut, weil sie diese Vorstellungen stets in sich trugen und ihnen nun Zucker geben (endlich dürfen!) In vermutlich jedem Menschen, der unter Herrschaft lebt, bilden die beiden hauptsächlichen Handlungsrichtungen auch ihre entsprechenden Persönlichkeitsteile aus: den sich mit teils rebellisch klingenden Begründungen der Herrschaft unterwerfenden, mit ihr arrangierenden und an sie anpassenden VS. den sich empathisch und egalitär, tendenziell freundlich und friedlich mit anderen (dagegen) zusammenschließenden. Es kann sich, immer abhängig von den Bedingungen, jederzeit mehr zugunsten einer dieser Richtungen entschieden werden und damit einer dieser Persönlichkeitsteile stärker gemacht werden. Hier einige Schlaglichter aus Elsässers sexual- und moralpolitischer Radikalisierung noch vor “Compact”:

  • “Transsexuals from Transsylvania”
  • “In Berlin wird ja nicht mehr gearbeitet”, “vergnügungssüchtige Jugend”
  • nach der Love-Parade-Massenpanik sah er Deutschland “im kollektiven Suizid, der Selbstauflösung” und forderte “Massenveranstaltungen der Rauschgift-Mafia sind nach dieser Katastrophe zu verbieten”
  • Bilderberg-Gruppe steckt hinter Woodstock und LSD
  • Schlüsse

    Wie hoffentlich klar geworden ist, besteht Elsässers Bedeutung vor allem darin, als Trüffelschwein der autoritär ausnutzbaren Radikalisierungen im Land auf Themen und Konfliktfelder hinzuweisen, bevor sie weiter ausgreifen, und als abschreckendes Beispiel dafür zu stehen, was Stellvertretungspolitik und Nationalismus letztlich bedeuten. Wer wirklich will, daß sich die Welt noch mal grundsätzlich ändert, daß eines Tages alle Menschen kriegen, was sie brauchen, daß sich Ideologie nicht weiter verschärft, daß Herrschaft insgesamt sich nicht auch durch noch eine Krise hindurch weiter festigt, sollte sich genau anschauen, wieviele Denkweisen und Politikformen diesem Vorhaben zuwiderlaufen.

    Die Volksgemeinschaft gibt es und gibt es nicht. Als ideologische Masseneinbildung, die Arbeitskräfte in verschärfte staatenübergreifende Konkurrenz zueinander stellt, ihren selbstorganisierten und grenzenüberschreitenden Zusammenschlüsse entgegenwirkt und sie vom Klassenkampf gegen das Kapital abhält, funktioniert sie nur genau so lange und genau so weit, wie sie geglaubt und praktisch unterfüttert wird. Sich gegen die Volksgemeinschaft als ideologische Realität zu stellen ist also was anderes, als so zu tun, als wäre das Klassenbündnis real, als würden alle an einem Strang ziehen, als wäre die nationalistische Propaganda zutreffend.

    Also: Aufhören, sich vor dem Schrecken des Faschismus hinterm Staat und seiner Ideologie zu verstecken. Wenn Elsässer und Konsorten ein Volk suchen, ist es völlig daneben, sich hinter moralisch aufgeblasenen Warnungen vor diesem Wort zu verschanzen, und damit zu rechtfertigen, warum in die Alltagskämpfe der meisten Leute nicht mit einer Klassenperspektive hineingegangen wird.

    Zur Kenntnis nehmen, was der nationalistischen Mobilisierung in den letzten Jahren eigentlich (auch unter den für sie günstigen Bedingungen) gelungen ist und was die radikale Linke in der gleichen Zeit (bei aller Repression und allem Gegenwind) nicht hinbekommen hat und nun kurzerhand meist für unmöglich erklärt: das Aufgreifen einer populären Bewegung, Einzug ins Parlament als deren Vertretung, der Aufbau einer Gegenöffentlichkeit.

    Die radikale Linke ist entsprechend nicht politisches Hauptangriffsziel der nationalistischen Welle (das sind neben den “Fremden” vor allem Merkel & Rot/Grün); sie ist nicht die Hauptunterstützerin der Arbeitskämpfe (GDL-Streik!); und nicht zuletzt dadurch auch nicht Hauptunterstützerin der Refugee-Bewegung. Sie ist, kurz gesagt, keine eigenständige, handlungsfähige Kraft gegen den Staat, weil sie sich ohne Not ihrer Klassenbasis beraubt hat, und Arbeitskämpfe sich daher heute hauptsächlich in den Händen der Staatsgewerkschaften, einiger imposanter Spartengewerkschaften und nur zu einem kleinen Teil im praktischen bis theoretischen Fokus anarchistischer und leninistischer Kleingruppen befinden.

    In den Reaktionen auf Elsässer sind Linke immer wieder kenntlich geworden:

  • entweder als Leute, die nur fünf Millimeter neben ihm stehen; die jede inhaltliche Auseinandersetzung scheuen, weil sie nur ihr demokratisches Ticket zu retten versuchen; deren Begriffsapparat ins Leere greift und die sich mehr damit beschäftigen ihn zusammenzuflicken statt ihn zu korrigieren
  • die Elsässer als Ausrede benutzen fürs Fernhalten von der “Normalbevölkerung” und zur weiteren Vertiefung ihrer wie auch immer gearteten Ersatzbeschäftigungen
  • die, die den Schuß gehört haben, sich fragen, warum sein Aufstieg überhaupt möglich war, was er über die Linke in diesem Land und ihre Selbstauskünfte zum Handlungsspielraum aussagt
  • Ich möchte schließen mit dem, was ich schon vor fast einem Jahr schrieb:

    Elsässer versteht sich selbst immer noch als Linker, was für ihn heißt, “auf der Seite des Volkes” zu stehen, mit dem “deutschen Arbeiter” gegen die “Billiglöhner”, die ins Land kommen. (…) Zuletzt beschwor er bei öffentlichen Auftritten die revolutionäre Tradition der Orte in denen er sprach, vom Bauernkrieg über die Novemberrevolution bis zum “Arbeiterwiderstand gegen die Nazis und gegen die SED”. (…)
    Es kann nun nicht darum gehen, ob reaktionäre Themen den offen nationalistischen und faschistischen Kräften überlassen werden – das müssen ihre Themen bleiben. Es geht darum, ihnen nicht das ganze eigene Spielfeld zu überlassen. Elsässer beschwört die “nationale Volksrevolution” – er will eben nicht die arbeitende Klasse aufwiegeln, sondern sie, ganz in faschistischer Tradition, für die Nation gewinnen und erhalten.
    Kommunistisch gebildete Menschen könnten wissen, was Nationalismus ist; sie könnten erklären, wo die Ideologie herkommt: daß Nationalismus das ist, was kapitalistische Gesellschaften gegen Klassenkampf, Arbeiterrevolution und Kommunismus zusammenhält; das vom Klassenkonflikt auf die faulen, kriminellen, betrügenden und blutsaugenden Parasiten ablenkt; und das zu etwa ähnlich großen Teilen aus Manipulation, der Realität der Konkurrenz und dem Fetischdenken entsteht. (…) Der Staat versucht weiterhin, die entschlossene Migrationsbewegung zu kontrollieren, um eine Auswahl an Arbeitskräften vornehmen zu können, und spaltet die Klasse weiter, indem er die verschiedenen Lohnniveaus gegeneinander ausspielt.
    Dagegen half immer nur der Zusammenschluss der Klasse: Nur wo für alle gekämpft wird, kann die Binnenkonkurrenz der Klasse teilweise aufgehoben werden. Das ist mühselig, der Weg dahin lang und der Erfolg höchst ungewiß, doch nur das könnte die Klasse gegen die Nation stellen und dem Nationalismus den Boden entziehen.

    Vorschläge, wie sich diese Schlüsse in die Tat umsetzen lassen, habe ich vor allem im letzten Abschnitt meiner Jahresvorhaben gemacht: 2017 – Was tun?

    Don't be the product, buy the product!

    Schweinderl